Erinnerungen an die erste Liebe

Süße Erinnerungen: Die erste Liebe

"First time, first love, oh what feeling is this
Electricity flows with the very first kiss
Like a break in the clouds and the first ray of sun
I can feel it inside something new has begun."


Song "The First Time" von Robin Beck

Die erste Liebe ist eine Riesensache!
Das weiß man schon aus Erzählungen, lange bevor man sie am eigenen Leib erfährt. Urbane Legenden ranken sich um sie. Sie soll sich anfühlen wie eine Bombe, die im Bauch explodiert, nur irgendwie schöner. Und gefährlicher als ein Bungee-Sprung soll sie sein. Sogar gefährlicher als ein Bungee-Sprung ohne Seil. Wer infiziert ist von diesem Liebesvirus, verhält sich erstmal voll Panne! Wie ein bekiffter Zombie oder so.
Aber angeblich ist sie diese ganzen krassen, peinlichen Aktionen wert, die man dafür durchstehen muss. Denn wenn man aus dem Gröbsten raus ist, soll es sich großartig anfühlen. So als wäre man ganz allein Fußballweltmeister, Topmodel, König der Welt oder Bundeskanzlerin.

Auf so ein Mega-Event will man natürlich bestens vorbereitet sein. Deswegen hat man schon mal geübt. Kissen geküsst, mit den Popstar- und Schauspieler-Postern, die überm Bett hängen, geflirtet und ihnen dabei tief in die Papier-Augen geschaut. Und natürlich im Internet recherchiert. Jetzt weiß man zwar, für welche Sauereien Abkürzungen wie M.I.L.F. stehen und dass mit „Gangbang“ keine bewaffnete Jugendbande gemeint ist, doch so richtig schlauer als zuvor ist man trotzdem nicht. Freunde fragen scheidet schon mal aus – die lachen sich doch kaputt, wenn man ihnen beichtet, dass man keinen Plan hat.




 

Willst du mit mir gehen?

Und plötzlich liegt dieser Zettel vor einem auf der Schulbank. In Schönschrift steht da: „Willst du mit mir gehen? Ja [] Nein [] Vielleicht []“
Am liebsten würde man die Wahrheit zurückschreiben: „Ich bin noch nicht soweit.“ Aber wie uncool wäre das denn! „Wohin denn?“ klingt auch irgendwie doof, als wüsste man nicht Bescheid! „Nein, ich trenne strikt Berufliches und Privates.“ Das wäre mal ein souveränes Statement, voll erwachsen und so! Aber dann würde man ja nie erfahren, ob die Anderen alle recht haben mit dem, was sie über die Liebe sagen ...

Ein Kreuzchen und eine Verabredung später weiß man, dass die Anderen alle nicht recht hatten. Die erste Liebe ist viel schlimmer, als alle behaupteten. Und viel, viel schöner.

Jahrzehnte später – wir sind schon längst mit jemand Anderem glücklich verheiratet – weht uns ein bestimmter Duft zufällig in die Nase. Wir halten kurz inne und sehen vor unserem geistigen Auge den Moment, in dem wir mit dem Schwarm aus unserer Schulzeit nach der Kinovorstellung noch herumstehen, die Hand fest um den Lenkergriff des Fahrrads, als müssten wir uns daran festhalten, um nicht vor Nervosität umzufallen. Wir zittern und sind uns nicht sicher, ob das von der Kälte kommt. Wir sind uns nicht mal mehr unserer selbst sicher. Und dann der erste Kuss ... Wieder im Hier und Jetzt angekommen, wird uns klar, warum wir uns gerade jetzt so lebhaft erinnerten: Wir sind soeben an einem Stand vorbeigegangen, an dem heiße Maroni verkauft werden. So wie damals beim allerersten Date unseres Lebens. Verrückt – jahrelang hatten wir nicht mehr an unsere Jugendliebe gedacht und nun erinnern wir uns an jedes Detail dieses Abends ...
Scheinbar behält der Mensch, an den wir als Erstes unser Herz verschenken, immer einen Teil davon für sich.



ÜBERLEBENSGROßE GEFÜHLE

Es stellt sich die Frage, warum sich diese erste Liebeserfahrung so tief in unsere Erinnerung einbrennt. Die naheliegendste Erklärung: Weil es ein erstes Mal war und alles, was wir zum ersten Mal tun, immer etwas Besonderes ist, an das man sich erinnert. Das erklärt im Übrigen auch, warum die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird: Wenn man jung ist, passiert ständig irgendetwas zum ersten Mal. Von wegen „Die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn man Spaß hat“! Das Gegenteil ist der Fall: Die Zeit rast immer schneller, je alltäglicher und bekannter unsere Erlebnisse sind. Um da Abhilfe zu schaffen, ist es wichtig, auch als Erwachsener immer wieder Neues auszuprobieren. Aber das ist nun wirklich ein anderes Thema ...

Ein weiterer Grund, warum die erste Liebe nicht nur für den Augenblick, in dem sie passiert, so überlebensgroß ist, sondern bisweilen ein Leben lang bleibt, ist das spezifische Lebensalter, in dem wir diese Erfahrung normalerweise machen: die Jugend. Warum hieß die gefühlsbetonte Ära der Literatur wohl so bezeichnend „Sturm und Drang“? Weil ihre treibenden Kräfte Goethe, Schiller, Lenz und Konsorten damals junge Hüpfer waren!
Die Jugend ist für jeden die Sturm-und-Drang-Epoche der großen Gefühle, der Irrungen und Wirrungen, der Selbstfindung und des alltäglichen inneren Kampfes im Spannungsverhältnis von Herz und Kopf. Und in Letzterem geht es bei Jugendlichen ganz anders zu als bei Erwachsenen: Magnetresonanztomographie-Aufnahmen belegen, dass Jugendliche die Gefühle anderer Menschen über die Amygdala interpretieren. Diese auch als „Mandelkern“ bekannte Hirnregion spielt eine zentrale Rolle bei der emotionalen Bewertung von Situationen. Erwachsene dagegen interpretieren solche Gefühle mit dem Frontallappen, also analytisch.



Objects in the rearview mirror...

Manches wirkt im Rückspiegel größer als es war. 



It was long ago and it was far away,
oh God it seems so very far
And if life is just a highway, then the soul is just a car
And objects in the rear view mirror may appear closer than they are

(aus dem Song "Objects In The Rearview Mirror" von Meat Loaf)



PRÄGEND FÜRS LEBEN

Stellt man sich den Menschen als Bauunternehmen vor, wäre die Jugend die Phase mit dem größten Anstieg der Auftragslage. Es ist die Zeit der gravierendsten körperlichen und seelischen Veränderungen. Hormonschübe sind eine Dauerkarte in der Achterbahn der Gefühle, die Selbstwahrnehmung ist flatterhaft wie ein zartes Blatt im Wind. Ein Pickel oder ein falsches Wort können in diesem Lebensabschnitt elementare Lebenskrisen auslösen. Und ausgerechnet in diese Zeit der juvenilen Wechseljahre fällt die erste Erfahrung mit der romantischen Liebe. Einem Phänomen, das – wie in diesem Buch bereits mehrfach eindrucksvoll belegt – selbst reife Erwachsene vor kaum lösbare Probleme stellt.
Dass die großen Gefühle uns just in der Altersphase der größten Empfindsamkeit zum allerersten Mal ereilen, erklärt also, warum uns diese Erfahrung so nachhaltig beeinflusst und oft die Weichen für spätere Beziehungsstile stellt.

Die erste Liebe prägt uns. Und den Begriff der Prägung darf man hier ruhig im engeren wissenschaftlichen Sinne verstehen. Moderne Gedächtnisforscher bestätigen, dass es so etwas wie Prägung nicht nur bei Graugänsen gibt, sondern auch hinsichtlich der ersten Liebe. Wir laufen, trauern oder schmachten unserer ersten Liebe so hinterher, wie dem legendären Verhaltensforscher Konrad Lorenz die Gänseküken hinterherliefen, weil er das Erste war, was sie nach dem Schlüpfen zu Gesicht bekamen und sie ihn daher für den offiziellen Erziehungsberechtigten hielten.
Nicht selten kommt es vor, dass die erste Liebe so nachhaltig prägt, dass Menschen bei der weiteren Partnerwahl geradezu fixiert sind auf ein bestimmtes Merkmal des Menschen, mit dem sie ihr amouröses Debüt erlebten. Sei es dessen Sternzeichen, die Haarfarbe, das Lächeln oder auch der Name. Meine erste Partnerin hatte nach unserer Beziehung tatsächlich zwei weitere Michaels, wobei sie den letzten ehelichte.

Natürlich kommt es auch vor, dass die ersten Liebeserfahrungen so negativ waren, dass man danach das genaue Gegenteil des ersten Ex sucht. Manchmal bleiben Narben. Die erste Trennung ist schließlich genauso neu und intensiv wie die erste Liebe. Oft dauert es viele Jahre, bis man sich von dem Jugendtrauma erholt, wenn man in der ersten Beziehung verlassen oder betrogen wurde.



KLASSENTREFFEN ALS ZEITMASCHINE

Im Idealfall sorgt die Erinnerung an den oder die Erste(n) allenfalls für ein sanftes Lächeln und ein leichtes Kopfschütteln, weil man heute kaum mehr nachvollziehen kann, was man seinerzeit an dem Anderen fand. Das ist auch gut so, schließlich will man im Jetzt leben und nicht in der Vergangenheit.
Andere dagegen schwelgen wehmütig in Erinnerungen an die eigene Liebespremiere.
Wer sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit macht, dem kann geholfen werden. Nicht nur, indem man auf die Anberaumung eines Klassentreffens wartet. Auch das Internet, immer rasend schnell darin, jedes nur erdenkliche menschliche Bedürfnis zu befriedigen, bietet auch hier eine Lösung: Auf speziellen Seiten kann man online nach alten Schulfreunden und anderen Menschen aus der eigenen Vergangenheit suchen. Die Aufgespürten dann noch einmal zu treffen ist nicht immer eine gute Idee. Nichts beflügelt schließlich die Fantasie mehr als eine unüberprüfbare Idealisierung der Vergangenheit. Warum diese süßen Träume also bei einem Treffen mit dem in die Jahre gekommenen realen Traumplatzhalter zerstören? Sinn macht das vor allem, falls Sie das Gefühl haben, das Idealbild aus der Vergangenheit blockiert Sie bei der aktuellen Partnerwahl, weil kein realer Mensch mit ihrer verzerrten Erinnerung vom ersten Mal mithalten kann. Da kann eine Konfrontation mit der Wirklichkeit wahre Wunderheilungen bewirken ...

Fest steht jedenfalls: In einem Punkt kann nichts, was danach kommt, mit der ersten Liebe mithalten. Es wird nie wieder ein erstes Mal geben.


Dieser Text entstand für das Buch Erste Hilfe für Frischverliebte, wurde aber in der finalen Version aus Platzgründen gestrichen.



Tipps für die erste Liebe
Stalker und manisch Liebende