Verliebt in die Liebe - Beziehungssucht

Die dunkle Seite der Liebe

Es ist oft ein schmaler Grat, der die äußeren Grenzbereiche des „Normalen“ vom Krankhaften trennt. Dass Verliebtheit und Wahn sich nahestehen, haben wir bereits an anderer Stelle dargestellt. Eine gewisse Sehnsucht nach der Person, die all die wunderbaren Gefühle bei uns auslöst, gehört zur Verliebtheit dazu.
Labile Persönlichkeiten laufen Gefahr, dass die Fixierung auf das Objekt ihrer Begierde zur Obsession wird. Bei Beziehungssucht bestimmt der Geliebte das gesamte Denken und Fühlen. Was jedoch normal Verliebte (wenn es so etwas gibt) von krankhaft Beziehungssüchtigen unterscheidet, ist, einfach ausgedrückt: Verliebte sind verliebt in eine Person. Beziehungssüchtige sind verliebt in die Liebe. Wer süchtig nach Bindung ist, nimmt den anderen nicht als Individuum war. Er ist nicht an eine andere Person gebunden, sondern an eine Idee. Er sehnt sich nicht nach wahrer Nähe zum Partner, sondern will nur seiner Idealvorstellung nah sein. Verliebt ist er in das Hochgefühl, das ihm sein Zustand beschert.

Während Verliebte in gesunden Partnerschaften ihre junge Beziehung einer permanenten Realitätsprüfung unterwerfen, um zu überprüfen, ob Wunsch und Wirklichkeit einigermaßen deckungsgleich sind, halten obsessiv Liebende verblendet an ihrem Wunschtraum fest.

Das Problem für jemanden, der sich in einen Beziehungssüchtigen verliebt, ist, dass diese krankhafte Besessenheit in der Phase des Kennenlernens schwer von den Symptomen der ersten Verliebtheit zu unterscheiden ist. Für das ungeschulte Auge haben Beziehungssüchtige auf den ersten Blick sogar vieles zu bieten, was man sich gemeinhin von einem Wunschpartner erträumt: Sie sind offen, aufmerksam, kompromissbereit, gute Zuhörer. Sie sprechen über ihre Gefühle und nehmen sich gern Zeit für den Partner. Der Schein trügt allerdings. Beziehungssüchtige sind Chamäleons, die sich an die Liebesfarben des anderen anpassen, um derart getarnt ganz mit der Gefühlswelt des Partners zu verschmelzen. Sie sind gefallsüchtige Männer und Frauen ohne Eigenschaften, Schauspieler im Liebesfilm des Partners, dessen Drehbuch sie zu erraten versuchen. Bei näherer Betrachtung also alles andere als Wunschpartner, auch wenn sie genau das sein wollen – everybody‘s Darling.

Diese Anbiederung muss nicht einmal bewusst geschehen. Beziehungssüchtige belügen nicht nur den Partner, sondern auch sich selbst.




 



Klammeräffchen der Liebe

Panische Furcht vor dem Alleinsein, verfrühte Heiratspläne, übertriebenes Klammern und krankhafte Eifersucht sind typische Symptome. Wächst die Verlustangst, wird auch der Partner in Mit-Leidenschaft gezogen – durch Vorwürfe, Streitsucht, Kontroll- und Manipulationsversuche.
Rasende Liebe ist kaum zu kontrollieren. Wenn aus der Sehnsucht reine Sucht wird, entsteht ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis. Wird dem Beziehungssüchtigen seine Droge entzogen, können die Folgen im wörtlichen Sinn fatal sein.
Eine unerwiderte oder enttäuschte Liebe zählt auch für normale Menschen zu den schmerzhaftesten Erlebnissen, die man durchmachen kann. Wie verhängnisvoll die Giftmischung aus Zurückweisung, Einsamkeit, gefühlter Wertlosigkeit und Sinnleere für einen obsessiv Liebenden sein kann, davon gibt auch die Weltliteratur Zeugnis ab. In Goethes Leiden des jungen Werther erscheint dem Titel-Antihelden der Suizid als einzige Alternative zu einem Leben ohne die Geliebte, die ihn verschmähte.
Nicht nur in der Literatur ist Liebeskummer ein typisch männliches Freitod-Motiv. Drei von vier Menschen, die aus Liebeskummer Selbstmord begehen, sind Männer. Beziehungssüchtige glauben im wahrsten Sinne des Wortes, ohne ihre Partnerin nicht leben zu können.

In einem Interview mit dem Spiegel (Ausgabe 9/2005) brachte die amerikanische Anthropologin Helen Fisher ihre Meinung über die zerstörerische Macht der dunklen Seite der Liebe radikal auf den Punkt: „Ich glaube, die Liebe ist der stärkste Trieb der Welt, weit stärker noch als der Sex-Trieb. Wer im Bett zurückgewiesen wird, wird den Partner nicht töten. Aber die Zahl der Menschen, die einen Ex-Partner töten, weil ihnen Liebe versagt wird, ist groß.“
So absurd es klingt – Suizid oder Mord sind für diese Menschen ein verzweifelter Versuch, die Liebeskonflikte mit tödlicher Gewalt zu lösen. Laut Statistik ist bei jedem dritten weiblichen Mordopfer in den USA die enttäuschte Liebe eines Ex-Partners das Tatmotiv.


Dieser Text entstand für das Buch Erste Hilfe für Frischverliebte, wurde aber in der finalen Version aus Platzgründen gestrichen.



Stalker und manisch Liebende